Gedanken zum Bildungs- und Entwicklungsverständnis in Österreich - von Mag.a Lucia Eder, Salzburg


Mag.a Lucia Eder, Salzburg

Mag.a Lucia Eder
Kindergartenpädagogin und Erziehungswissenschafterin


Mitglied der Plattform EduCare

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Die Ergebnisse bzw. die Reaktionen/Diskussionen rund um die Ergebnisse der Sprachstandsfeststellungsverfahren des vergangenen Jahres lassen in mir immer mehr Unmut bezüglich unseres Bildungs- und Entwicklungsverständnisses aufsteigen.

Dazu kommt ein Unwohlsein ob der Zukunft der kindlichen Bildungschancen und der damit verbundenen Chancen zur Ausbildung einer autonom handelnden und zukunftsorientiert neugierigen Persönlichkeit.

Fakt ist,
dass Lernpotentiale nicht mehr ausgeschöpft werden können.
dass bereits in jungen Jahren Bildungsmüdigkeit und Lernfrustration vorherrschen.
dass Kinder immer früher mit psychosozialen Problemen konfrontiert und selbst Symptomträger eines kranken Beziehungssystems werden, Stressreaktionen zeigen u. s. w.

Fakt ist aber auch, dass das kindliche Entwickeln trotz vieler Innovationen und Erkenntnisse und Bemühungen in seiner Ganzheit mit Nachhaltigkeit behindert wird.

Was sind die (bildungs)politischen Reaktionen?

  • die Schuldfrage:

Wer hat wann versagt, ist seinen/ ihren Aufgaben und Verantwortungen in Familie, Kindergarten, Schule; Politik nicht nachgekommen?
Welche gesellschaftlichen (sozioökonomischen) Faktoren (schwarze Schafe) sind für das schlechte Bildungs- und Leistungsniveau verantwortlich?

  • die Schuldzuschiebung:

Insgeheim muss es wohl jede(r) erahnen, einen Beitrag zu dieser Situation geleistet zu haben. Strukturell und ganzheitlich einen Blick aus "bio-psycho-sozial-ökonomischer" Perspektive darauf zu werfen, um intervenierende Variablen zu entdecken, scheint jedoch ein unmögliches Unterfangen.

Die Schule schiebt die Schuld auf den Kindergarten und die mangelnde Ausbildung von Kindern und PädagogInnen, die PädagogInnen schieben die Schuld auf die Eltern und deren mangelnde Erziehung, die Eltern schieben die Schuld auf die fehlende Zeit und auf die Politik, die Politik schiebt die Schuld auf die wirtschaftliche Lage, den politischen Partner oder das Problem der bildungsfernen bzw. anscheinend bildungsresistenten Gesellschaftsgruppen.

  • die Maßnahmenvor-/umverschiebung:

Für das Bildungsniveau und Leistungsniveau in der Gesellschaft sind die Schulen zuständig, also müssen dort Standards und andere Schulformen etabliert und die Ausbildung (halbherzig) reformiert werden – die Effekte sind fraglich - Lernen passiert ja nicht an Standards sofern diese die Lernsituationen nicht mitberücksichtigen.

Deshalb ist es günstig, auf das "Frühe Lernen" hinzuweisen und die Ursache für die Fehlentwicklungen in den Kindergärten zu suchen, dort Fördermaßnahmen und quasi neue Ausbildungen (zusätzliche Förderprogramme) zu fordern – die Effekte sind langfristig fraglich – ein gut trainiertes Kind mag wohl einen besseren Schulstart erzielen. Doch wird es sich ein Leben lang am "selbstständigen Lernen" interessieren?

Die Familie müsste eigentlich auch noch mehr tun und es werden Familienprogramme und Schulungen (vor allem für Randgruppen und Gruppen mit Migrationshintergrund) gefordert und als Modell den entsprechenden Gruppen vorgesetzt und übergestülpt  - auch hier sind die Effekte fraglich

  • die Unzuständigkeiten:

Maßnahmen werden "von OBEN gesetzt" (von unten/ nebenan blockiert), mit viel Einsatz und auch vordergründig viel Geld, doch mangels koordinierten Vorgehens aller Kräfte in allen Bereichen und Ebenen der Politik und Verwaltung, Interessenvertretungen und vor allem mangels Koordinationsstellen, unklaren Kompetenzen sowie Strukturen bzw. auch durch Missachtung der lokalen Bedingungen und Strukturen kann die Umsetzung nur scheitern!

Was tun?


Die unsachliche Diskussion ist zu stoppen bzw. auf eine sinnvolle strukturelle und wertschätzende Ebene zu heben, die Realitäten annimmt, Fakten auf den Tisch legt und Lösungen begünstigt.


Was heißt das für den Kindergarten, für die Elementarpädagogik?

Abkehr vom „Inseltümpeln“ und ein klares Bekenntnis zum SPIEL in seiner  ureigensten Bestimmung als Erkundungsaktivität und somit zur EIGENAKTIVITÄT (Sinnstiftung, Kreativität ohne vorgefertigten Lösungen, Bewegtheit, Emotionalität im positiven Sinne.....) unter fachkundiger und professioneller, beziehungs- und handlungsorientierter pädagogischer Begleitung/ Führung, die

  • die Leistungen und Prozesse der Familie, der bisherigen Entwicklung wertschätzt; 
  • die von der Familie gelegte Basis, die im Zuge der (theoretisch fundierten, systematischen) Beobachtung des Kindes und der Kommunikation mit der Familie erhalten und interpretiert worden sind, zu festigen;
  • dort bewusst und in der pädagogischen Verantwortung stärker lenkend eingreift, wo diese Basis instabil ist und die Gefahr einer Entwicklungsbehinderung besteht.
  • Das alles unter Bedachtnahme auf aktuelle wissenschaftliche und praktisch erprobte, bewährte Theorien und Konzepte, die entwicklungsgemäß - weil kind- und situationsorientiert (systemisch-konstruktiv) - sind

Was heißt das für die Politik - die Wissenschaft - die Verwaltung  - die handelenden PädagogInnen?


Maßnahmen sind dort zu setzen, wo dieser Prozess gefährdet ist. Wenn das Spiel eingeschränkt/ behindert wird, das nachhaltige, selbsttätige, bewusst initiierte Spiel zu wenig Raum und Zeit findet, weil eine Angebotspädagogik anstelle einer Aufarbeitungs- und Lernpädagogik stattfindet.

             ·      Spielen ist Lernen dann, wenn Kinder Handlungen interessant finden, sie üben und selbst weiter                      entwickeln können - ZEIT HABEN

·        Spielen ist LERNEN dann, wenn eine Umgebung Impulse gibt aber das eigene DENKEN nicht überlagert und Interferenzen das eigentliche Integrieren in einen individuellen Sinnzusammenhang stören

·        Spielen ist LERNEN dann, wenn Erkenntnisse im Sozialkontakt reflektiert, widerrufen werden können/ müssen, wenn spielerisch ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Sprache/ Schrift... erarbeitet werden muss - das Kind will das von sich aus und braucht grundsätzlich das Vertrauen in sein Können

·        u. s. w., u. s. w.

Bestätigungen für diese Argumente liefert die Neuropsychologie und Neuropädagogik laufend, auch wenn sie "nur" als Bestätigung von bereits aufmerksamen Beobachtungen bzw. auch als Klärung von Vermutungen und "learning by doing- Erkenntnissen über Effekte einzelner pädagogischer Konzepte dienen.

Maßnahmen sind auf übergeordneter Ebene zu setzen, um:

·        die Reflexion des individuellen (pädagogischen) Handelns und des individuellen Menschenbildes und Bildungsverständnisses der mit Erziehungs- und Bildungsverantwortung betrauten Personen als professionelles Selbstverständnis etablieren - im Team, in der politischen Diskussion.

·        über eine Analyse der Strukturen des gesamtösterreichischen Bildungssystems, der darin vorkommenden Ressourcen (Familie, PädagogInnen, finanzielle Mittel, u. v. m.) in den Zusammenhang mit Bedingungen (kindlichen) lebenslangen Lernens zu stellen, um vielleicht nicht die teuersten Maßnahmen aber dafür grundlegend effektive initiieren zu können.

Was ist zu fordern?

  1. Eine Bildungsorientierung die den FOKUS auf die Entwicklungsthemen des jeweiligen Entwicklungsalters aber mit dem INDIVIDUELLEN Bedingungen und INDIVIDUELLEN  Ressourcen des Kindes legt und nicht auf die jeweilige Institution. Das heißt, alle wissen davon und können ihren Beitrag in Familie,
  1. Eine Bildungsorientierung/einen Bildungsplan, der Grundlagenfähigkeiten und Lernbereiche entsprechend der kindlichen Entwicklungsmöglichkeiten (auf Basis einer gesunden Entwicklung) immer weiter differenziert und entsprechende Ziele formuliert, Handlungsorientierungen/ Inhalten und Impulsfragen zur Reflexion des Erfolges enthält.

  2. Auflistung aller Ressourcen und Problemfelder, um eine Optimierung des kindlichen Lernens in den Bildungsinstitutionen zu ermöglichen und in einem zweiten Schritt, die Übergänge in andere Lebens- und Lernbereiche und das kindliche Lernen durch bessere Kooperation und Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Ressourcen sind ja schon geklärt auch die der sonderpädagogischen, psychologischen, medizinischen Bereiche u. v. m.) zu begünstigen.

  3. und das unter Einbeziehung von Familie, PädagogInnen, Verwaltung in allen Ebenen, Politik in allen Ebenen.
  1. U. s. w., u. s. w

Aber bitte SCHLUSS mit voreiligen Diskussionen und Missbrauch der Bildung/ der Ängste/ der Familien/ der Kinder für den schnellen Erfolg.


Und BEGINN von optimistischen klaren und koordinierten Vorgehensweisen aller Beteiligten/Betroffenen!