Stopp für den §15a-Vertrag bedeutet Aus für die Sprachförderung - das ist bildungspolitischer Wahnsinn 


Gegen die "Ausbeutung" der ElementarpädagogInnen - Für die Aufwertung der frühen Bildung

Angesichts des bundesweiten Mangels an Kindergarten- und HortpädagogInnen kann einer Evaluierung und damit einhergehend einem kurzfristigen quantitativen Stopp beim Ausbau von Elementarbildungseinrichtungen durchaus Verständnis entgegengebracht werden. Dafür muss der Qualitätsoptimierung der elementaren und außerschulischen Bildungseinrichtungen - im Sinn der Kinder, Eltern, Kindergarten- und HortpädagogInnen sowie der TrägerInnenvereinigungen – verstärkt Augenmerk gewidmet und speziell zu diesem Zweck finanzielle Mittel erschlossen werden.

Wenn die Evaluierung abgeschlossen ist (was wohl kein ganzes Jahr brauchen sollte!) muss wieder Geld in den weiteren Ausbau der Einrichtungen und in die Qualitätssicherung fließen.

Dass damit auch die Sprachförderung nicht mehr finanziert wird: das ist bildungspolitischer Wahnsinn und Verrat an der Zukunft Österreichs! Das ist der Gipfel der Verantwortungslosigkeit! 

Im elementarpädagogischen Bereich ist viel geschehen

"Jede Medaille hat ihre zwei Seiten" meint Raphaela Keller und streut der ehemaligen Staatssekretärin Marek (ÖVP) und ihren MitstreiterInnen Hahn (ÖVP), Karl (ÖVP), Heinisch-Hosek (SPÖ), und Schmied (SPÖ) Rosen: "die Einführung des verpflichtenden letzten Kindergartenjahres war mit der §15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern ein entscheidendes Ereignis in der Elementarbildungslandschaft Österreichs." Der Bildungsrahmenplan, die frühe Sprachförderung und andere bundeseinheitliche Regelungen erfüllen teilweise langjährige Forderungen aller Berufsgruppenvertretungen gemeinsam mit der Plattform EduCare.

Druck erdrückt

"Die Kehrseite der Medaille ist", führt Raphaela Keller aus, "dass diese Errungenschaften, sowie die unterschiedlichsten Regelungen in den Ländern, den Gemeinden und bei den TrägerInnenvereinigungen, gekoppelt mit den zu Recht bestehenden Anspruch bildungsbewusster Eltern, zu viele Pädagoginnen und Pädagogen noch stärker unter Druck setzen.

Viele ElementarpädagogInnen fühlen sich mit Aufgaben belastet, für die sie in einem zu frühen Alter und oder zu wenig differenziert ausgebildet worden sind: die Relationen zwischen den Anforderungen an die PädagogInnen, dem Status von Aus- und Weiterbildung, den Rahmenbedingungen für Planung und Reflexion, sowie der Entlohnung sind schon lange nicht mehr adäquat. 

Für bestenfalls knapp 2.000 Euro brutto sollen sie Bildungspläne umsetzen und „Sozialarbeit“ leisten, spezielle Sprachförderung durchführen, individuelle Entwicklungspläne erstellen und Kinder mit erhöhtem Förderbedarf begleiten, mit SchulpädagogInnen und SozialarbeiterInnen zusammenarbeiten, Öffnungszeiten ausweiten, als ErziehungspartnerInnen der Eltern agieren, flexible Dienstzeiten akzeptieren (auch, wenn das eigene Familienleben darunter leidet...) und selbstbezahlte Fortbildung in der Freizeit absolvieren. 

Und obwohl die Anforderungen an Kindergarten- und HortpädagogInnen im Sinne von Prävention, Förderung, Beratung, Fortbildung und die Forderungen von Eltern, Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich wesentlich erhöht haben, sind die Vorbereitungs- und  Reflexionsstunden seit mehr als 30 Jahren (von 0 Stunden bis 8 Stunden wöchentlich) unverändert!

Im Sinn des Wohls der Kinder, im Sinn der physischen und psychischen Gesundheit der PädagogInnen (Stützapparat, Burn-Out, Tinnitus, ..), im Sinn der Zukunft unseres Landes und der Nachhaltigkeit (PISA…) sind dringend Änderungen angesagt!

Qualitäts-Standards bekannt

Die inhaltlichen und finanziellen Forderungen zur Qualitätsoptimierung in den Elementarbildungseinrichtungen – wie Krippen/Kinderstuben/Kindergärten/Horte - liegen längst, untermauert von vielen Studien, auf den Tischen (bzw. in den Laden!) der politisch Verantwortlichen: in 4 Ministerien, bei 9 Ländern, in 2.357 Gemeinden.

In Österreich gab es im Berichtsjahr 2009/10 8.075 institutionelle Kinderbildungseinrichtungen, davon sind 4.887 Kindergärten, 1.117 Kinderkrippen, 1.186 Horte und 885 altersgemischte Bildungs-/Betreuungseinrichtungen. 

Bei über 60 Prozent der „Kindertagesheime“ (Krippen/Krabbelstuben/Kindergärten etc.) sind öffentliche Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemeinden) für die Erhaltung zuständig.
Der überwiegende Teil der öffentlichen Einrichtungen wird von den Gemeinden
(98,7%) erhalten.

Die Qualitätsstandards sind entsprechend uneinheitlich – und für Eltern, Alleinerziehende, Kinder, ElementarpädagogInnen und TrägerInnen gleichermaßen unbefriedigend.

Kindergarten ist Männersache

Der Kindergarten ist also Länder- und Gemeindesache. Und damit Männersache. Sie entscheiden über Wohl und Wehe der Elementarpädagogik.

Einseitiges Frauen- und Familienbild

Tief verwurzelt sind die Bilder von der Mutter, die ihre Kinder bis zum 5. Lebensjahr zu Hause erzieht und betreut - und der ganztägige Kindergarten besteht nur als "Noteinrichtung" für jene Kinder, deren Mütter sich das Zuhausesein nicht leisten können oder wollen. Vor allem scheint dieses Bild in den Köpfen vieler männlicher Politiker aller Parteien festzusitzen – auch wenn sie es öffentlich nicht so darstellen...

Viele – doch leider nicht alle - Frauen in der Politik äußern immer öfter ihr offensichtlich anderes Frauen- und Familienbild. Beginnen sie sich durchzusetzen?

War das Engagement der Frauenbewegung vorrangig auf die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit für  Frauen konzentriert, wird nun auch das Recht des Kindes auf außerfamiliäre Bildung begründet.

Bildungspartner Mutter, Vater, Elementarbildungseinrichtungen

Familien – Mütter und Väter – sind die ersten BildungspartnerInnen für Kinder. Elementare Bildungseinrichtungen wollen und können die familiäre Lebensbildung nicht ersetzen. Unsere Kinder brauchen frühe außerfamiliäre Lebensbildung – und die können sie nur erwerben, wenn die entsprechenden qualitativen und quantitativen Ressourcen zur Verfügung stehen. Im Sinne der Übernahme von Verantwortung für die zukünftigen Bürgerinnen und Bürger, die die Zukunft von uns allen mit gestalten werden.

Bundeseinheitliche Qualität gefordert

Derzeit neun (!) unterschiedliche Gesetze der Bundesländer führen zu unterschiedlichsten (auch finanziellen) Rahmenbedingungen für Kinder, Eltern und Personal sowie TrägerInnen-Organisationen hinsichtlich

  • Gruppengröße, 
  • Verhältnis PädagogInnen/Kinder
  • Arbeitszeiten und Bezahlung der PädagogInnen 
  • Vor- und Nachbereitungszeit bzw. Fort- und Weiterbildung der PädagogInnen
  • Zeit für Elternarbeit, Teamgespräche, interdisziplinäre Kooperationen 
  • Räumliche Anforderungen pro Kind und MItarbeiterInnen
  • Öffnungszeiten/Ferienregelung, Regenerationszeiten
  • Höhe der Elternbeiträge
  • Qualifikation/Bezeichnung/organisatorische Einbindung der pädagogischen Aufsicht/Begleitung 
  • Qualifikation/Bezeichnung von LeiterInnen, HelferInnen, AssistentInnen...
    Finanzierung 
  • u.a.m.

Die Situation für Tagesmütter/-väter/-familien ist ähnlich gelagert.

Bildung fängt viel früher an!

Die langjährigen Forderungen nach effektiven und nachhaltigen Reformen im elementaren und außerschulischen Bildungsbereich sind endlich umzusetzen!

Dazu gehören

  • ein Bundesrahmengesetz mit einheitlichen Qualitätsstandards 
  • Zuständigkeit im Bundesministerium für Bildung
  • ein verbesserter Kind-PädagogInnenschlüssel wie er von internationalen ExpertInnen empfohlen wird die gemeinsame Ausbildung aller PädagogInnen
  • Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für alle PädagogInnen, die auch den Anforderungen einer modernen, humanen, mehrsprachigen und multikulturellen, inklusiven Gesellschaft entsprechen
  • eine erheblich höhere Bezahlung - wie sie der verantwortungsvollen bildungspolitischen Aufgabe entspricht.

Die Plattform EduCare hat bereits 2005 - gemeinsam mit den Berufsgruppen der
Kindergarten- und HortpädagogInnen Österreichs - Grundlagen für ein Bundesrahmengesetz zur Qualitätssicherung in elementaren und außerschulischen Bildungseinrichtungen ausgearbeitet: von "Altersgemäßen Bildungsangeboten" über "Ausstattung und Raumbedarf" sowie "Mindeststandards" bis zur "Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten". 

SPÖ (2006) und GRÜNE (2009) haben auf dieser Grundlage bereits parlamentarische Anträge auf Gesetze gestellt - und wurden in die Gremien verwiesen.

„Frauen-Quartett“ in der Bundesregierung gefordert!

"Ich appelliere an das 'Frauen-Quartett' in der Bundesregierung - Heinisch-Hosek, Karl, Remler und Schmied - den guten Weg, der eingeschlagen worden ist, nachhaltig weiter zu gehen: im nächsten Schritt muss die Qualität der elementaren und außerschulischen Bildung verbessert werden! Durch ein Bundesrahmengesetz für die elementaren und außerschulischen Bildungseinrichtungen!", schließt Raphaela Keller und ergänzt, dass "die offensichtlich beste Zusammenarbeit zwischen der Unterrichts- und Wissenschaftsministerin Hoffnung gibt, dass nicht allein im (Aus-) Bildungsbereich, sondern auch im 'Tagesgeschäft' über die Parteigrenzen hinweg konstruktive Arbeit geleistet werden kann!"

Siehe:

http://www.plattform-educare.org/bundesrahmengesetz.htm
http://www.plattform-educare.org/Kindergartengesetz%20gruene%20vs.%20spoe.ht


Rückfragen:

Raphaela Keller

Stv. Vorsitzende des ÖDKH und Vorsitzende des BKHW
Mitglied des Steuerteams der Plattform EduCare


Thaliastraße 130/12

1160  Wien

Tel.: +43 (699) 19220503
E-Mail: Raphaela.Keller@Plattform-EduCare.org

 


Aussender: Plattform EduCare
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