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Interkulturelle
Kompetenzen?
Referat gehalten auf der Fachtagung „miteinander.kindergarten“ – Interkulturelle Weiterbildung im Elementarbereich am 21.11.2007 Wien/Rathaus. Wir waren und sind mit Zuzug und Abzug von Menschen konfrontiert. Dies macht sich natürlich auch im Kindergartenwesen bemerkbar, wobei die kulturelle Vielfalt eine Vielzahl von Herausforderungen und auch eine Vielzahl von Chancen in sich birgt. In den 1970er Jahren war die Ausländerpädagogik die Reaktion auf die damalige Realität, später die multikulturelle Pädagogik und seit den 1990er Jahren versucht die interkulturelle, mitunter nun auch die transkulturelle Pädagogik Antworten auf alte und auch neue Fragen zu finden. Gegenwärtig handelt die Diskussion von Kompetenzen, Anreizen und der Frage, was die Beschäftigung mit der Thematik Positives bringt. Dabei ist darauf zu achten, dass kein Entpolitisierungsprozess stattfindet und Konflikte nicht ausgeblendet werden. Damit die Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen der zunehmenden Komplexität gerecht werden können, sind auch neue Orientierungen notwendig. Dies betrifft unter anderem die Bereiche Aus- und Weiterbildung. Bevor ich mich dem Begriff Interkulturelle Kompetenzen zuwende, gehe ich kurz auf die zugegebenermaßen oft verwirrende Vorsilbendiskussion ein. Die Begriffe Bi-, Multi-, Inter- und Transkulturalität werden häufig parallel, mitunter nicht wirklich differenziert verwendet. Es gibt auch Kritikerinnen und Kritiker diverser Vorsilben, so meint etwa der Erziehungswissenschafter Josef Gruber: „Wer mit Pädagogik oder mit pädagogischem was auf dem Hut hat, braucht den Firlefanz mit `mono-, bi-, multi- oder inter-kulturellem´ Zusatz nicht (Gruber Josef, in: Eichelberger Harald, Furch Elisabeth (Hg.), 1998, S. 102-116, hier: S. 102). Meiner Meinung nach ist es derzeit noch zu früh, die Vorsilben wegzulassen, da die Gefahr besteht, dabei auch die Thematik auszublenden. Ohne Vorsilbe auszukommen ist, denke ich, erst dann möglich, wenn kulturelle Vielfalt wirklich ein Grundprinzip der Pädagogik geworden ist. Kritikerinnen und Kritiker sehen die Verwendung des Begriffes „interkulturell“ als problematisch. Er kann zu Kulturalisierungen neigen und ist in der Lage, Rassismen, Ausgrenzungen, Stereotypisierungen sowie Machtasymmetrien zu erhalten oder verstärken, mitunter auch erst entstehen zu lassen. Ich selbst erachte die Bezeichnung kultursensibel bzw. kultursensible Pädagogik als besser geeignet, der gesellschaftlichen Realität und den Herausforderungen der Pädagogik zu begegnen. Wichtig erscheint mir bei der „Vorsilbendiskussion“, dass wir uns der Bedeutungen bewusst sind, dass wir überlegen, in welcher Situation wir agieren und wie wir agieren wollen und die dafür entsprechende Richtung wählen. Die Bezeichnung „interkulturell“ stellt sicher nicht das Ende der diesbezüglichen pädagogischen Diskussion dar. Es wird etwas danach geben. Ob dies nun transkulturell sein wird oder kultursensibel, ob die „Vorsilben“ gänzlich verschwinden oder ob wir die „Pädagogik der Mobilität“ anwenden werden, darf meiner Meinung nach nicht ausschließlich den Theoretikerinnen und Theoretikern überlassen bleiben. Dies kann und soll aktiv von Menschen wie Ihnen mitgestaltet werden, die den Bezug zur Praxis und zu den Kindern haben. Worum handelt es sich bei dem Begriff „Interkulturelle Kompetenzen“? An dieser Stelle kann keine Auseinandersetzung mit dem Begriff Kultur stattfinden. Nur kurz: Ich verstehe Kultur als Orientierungssystem, unabgeschlossen, prozesshaft und veränderbar. Kultur entsteht und verändert sich in Interaktionen. Kompetenzen erweisen sich in der Art, wie wir wahrnehmen, denken und handeln. Interkulturelle Kompetenzen wurden zunächst im wirtschaftlichen Bereich eingefordert, nach und nach erhielten sie Einzug in diverse andere Bereiche. Durch Wolfgang Hinz-Rommel wurde 1994 dieser Begriff in die soziale Arbeit eingebracht und dadurch auch die pädagogische Auseinandersetzung beeinflusst. Es ist schwierig, allgemein über diesen Begriff zu reden, da die Zielgruppe eine ganz entscheidende Rolle spielt. Interkulturelle Kompetenzen heißen für unterschiedliche Gruppen was anderes. So sind die Anforderungen, mit denen beispielsweise eine Managerin oder ein Manager aus Europa konfrontiert wird, die oder der einen Konzern in China leiten soll, ganz andere als jene an eine Kindergartenpädagogin oder einen -pädagogen, die oder der im Inland mit einer Gruppe von Kindern arbeitet und auch zu deren Eltern Kontakt hat, die vielfältige kulturelle Prägungen aufweisen. Dass unterschiedliche Weiterbildungen bzw. Trainings notwendig sind, liegt –glaube ich – deutlich auf der Hand. Frustrationen treten häufig dann auf, wenn die Weiterbildungen nicht auf die Zielgruppe und deren spezifischen Anforderungen abgestimmt sind. Eine allgemeinverbindliche Definition ist bisher nicht gelungen. Viele Ausführungen zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei „interkulturellen Kompetenzen“ um einen sehr schwammigen und ungenauen Begriff handelt. In der Regel besteht die Überzeugung, dass es sich um etwas Wichtiges, Positives, Erstrebenswertes und gesellschaftspolitisch Relevantes handelt. Dabei darf die Zauberformel „Interkulturelle Kompetenzen“ nicht als Mythos angesehen werden, der die Lösung aller Probleme, politischer Fragen, Interessenskonflikte u.a. verspricht. Begriffe wie interkulturelle Kompetenzen, interkulturelle Handlungskompetenz oder interkulturelle Kommunikation werden oft gleichermaßen und undifferenziert verwendet. Dabei kommt eine gewisse Ungenauigkeit zum Ausdruck, der häufig in diesem Zusammenhang begegnet wird. Die Definitionen lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: à einerseits finden wir sehr vage, allgemeine bzw. offene Definitionen etwa im Sinne eines „angemessenen Verhaltens in kulturellen Überschneidungssituationen“, was auch immer wir uns darunter vorstellen könnenà andererseits treffen wir auf eine Auflistung von Fähigkeiten oder Teilkompetenzen, die einen interkulturell kompetenten (Ideal)Menschen ausmachen. Dies sind beispielsweise Ambiguitätstoleranz, d.h. die Fähigkeit, zweideutige und unsichere Situationen auszuhalten, Dissensbewusstsein und interkulturelle Lernbereitschaft. Dabei handelt es sich um eine Vielzahl von Kompetenzen. Uneinigkeit besteht darin, ob es sich ausschließlich um persönliche und soziale Kompetenzen handelt oder ob auch der kognitive Bereich in Form von speziellem Fachwissen und Methodenkompetenz dazuzuzählen ist.Einigkeit besteht über Folgendes: Es handelt sich um Haltungen und Einstellungen, die aus einem speziellen Wertehintergrund erwachsen sind. Daher wird der Erwerb interkultureller Kompetenzen als lebenslange Aufgabe gesehen, die sich immer wieder an der veränderten Realität und den geänderten Bedingungen zu orientieren hat. Es handelt sich darüber hinaus nicht um eine eigene Teilkompetenz neben individueller, sozialer, fachlicher und strategischer Kompetenz, sonder um die Fähigkeit, diese Kompetenzen auch auf kulturell heterogene Handlungskontexte zu beziehen. Mit diesem Hintergrund wird auch die häufig postulierte Forderung verständlich, dass interkulturelle Erziehung nicht als sonderpädagogische Richtung zu gelten hat, sondern den Anspruch verdient, Grundprinzip der Pädagogik zu werden (vgl. Henze Martin, 2005, S. 11). Keine Einigkeit besteht hinsichtlich der Bedeutung der länder- bzw. kulturspezifischen Kenntnisse. Neben jenen, die diese Kenntnisse als hilfreich erachten, geben Kritikerinnen und Kritiker zu bedenken, dass es zu einer Verstärkung der Stereotypen und Vorurteile oder mitunter auch gar erst zu deren Bildung kommen könnte. Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen haben mitunter Kinder aus 10 oder mehr verschiedenen Nationen in den Gruppen. Ich erachte es als unmöglich, länder- bzw. kulturspezifische Kenntnisse in ausreichendem Maße in jeder der Herkunftskulturen der Kinder zu erwerben. Zudem bestünde ein permanentes Abhängigkeitsverhältnis zu Weiterbildungen, da die Zusammensetzung der Gruppen ja einem kontinuierlichen Wandel unterzogen ist. Interkulturelle Kompetenzen werden über interkulturelles Lernen entwickelt. Wesentlich in Bezug auf interkulturelles Lernen ist in aller Kürze Folgendes zu sagen: Interkulturelles Lernen muss als Prozess verstanden werden, der Zeit und (Selbst)Reflexion erfordert. Wichtig sind die Bereitschaft zu einer vorübergehenden Inkompetenz, die Fähigkeit, in Frage zu stellen und auch zu verlernen bis eventuelles neues Verhalten zur Gewohnheit wird. Dabei müssen Ängste und Widerstände bestehen dürfen. Offenheit und Selbstverantwortung sind als weitere Aspekte interkulturellen Lernens zu nennen. Wesentlich ist direkter Kulturkontakt, da erst dadurch die eigene kulturelle Identität sichtbar werden kann. Entgegen der immer wieder wahrgenommenen Meinung, interkulturelle Kompetenzen stellen sich quasi von selbst einfach durch Kulturkontakt ein, möchte ich ausdrücklich betonen, dass – so sind sich die Fachleute einig – interkulturelle Kompetenzen einer gezielten Auseinandersetzung, Begleitung und unterstützender Maßnahmen bedürfen. Wolfgang Hinz-Rommel zu Folge handelt es sich dabei um einen umfassenden, reflexiven, bewussten, komplexen und andauernden Prozess von Wissensaneignung und Persönlichkeitsentwicklung (Hinz-Rommel Wolfgang, 1994, S. 72). Interkulturelle Kommunikation ist besonders anfällig für Missverständnisse. Durch Interkulturelle Kompetenzen können manche Missverständnisse vermieden und auch viele humane Ressourcen geweckt werden. Die Möglichkeiten, die sich durch die interkulturelle Begegnung ergeben, sind offen und werden durch uns individuell und verantwortlich gestaltet. Auf der Homepage dieser Tagung habe ich angekündigt, zu referieren, was interkulturelle Kompetenzen als Voraussetzungen brauchen, wozu sie befähigen, wovor sie schützen und wo ihre Grenzen liegen. Diese Trennung ist in der hier notwendigen Kürze nicht zufrieden stellend möglich. Somit werde ich dies zusammenfassend darstellen. Der erste wesentliche Schritt bei der Herangehensweise an das Thema „Interkulturelle Kompetenzen“ ist ein Abschied nehmen. Ein Abschied Nehmen von der „falschen Sicherheit des Verstehens“, wie Georg Auernheimer es ausdrückt (Auernheimer Georg, 2002b, S. 202). So können weder „andere Kulturen“ noch andere Menschen wirklich verstanden werden. Es kann jedoch – und das ist der wesentliche Punkt – zu einem gelungenen miteinander Kommunizieren und einer zufrieden stellenden Begegnung kommen. Notwendig dafür ist die Bereitschaft, in Kommunikation treten zu wollen und Regeln der Kooperation auszuhandeln. Abschied zu nehmen ist auch von der Vorstellung einer „völligen Integration des Fremden in sich“ (Peter Stöger, 1996b, o.A.). Es geht vielmehr um die Erweiterung der eigenen Standortfindung in Auseinandersetzung mit den „Anderen“. Dies meint aber nicht die Aufgabe der eigenen Standorte, sondern die Bewusstwerdung und damit Festigung eben dieser. Es kann damit jene Plattform gefunden werden, die breit genug ist, das „Andere“ der „Anderen“ zuzulassen. Dafür ist die Beschäftigung mit der eigenen Kultur unabdingbar. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit nun wesentliche Aspekte Interkultureller Kompetenzen?
Extra erwähne ich an dieser Stelle noch einige Grenzen der Interkulturellen Kompetenzen: Widersprüchliche Elemente bleiben wesentlicher Bestandteil in jeder Interaktionssituation. Eine vollständige Bedürfnisbefriedigung ist nicht möglich. Wenngleich sich Personen selbst als offen und vorurteilsfrei wahrnehmen ist oft eine Diskrepanz zwischen Selbstbild und Handlungspraxis zu beobachten. Dazu führt oft die nähere persönliche Konfrontation, die eigene Betroffenheit. Des Weiteren darf nicht der Fehler gemacht werden, interkulturelle Erziehung, die die Entwicklung interkultureller Kompetenzen ermöglichen soll, als Allheilmittel zu sehen. Sie ist auf keinen Fall als Instrument zu sehen, durch welches ein friedliches Miteinander ermöglicht wird ohne dass zugleich gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändert werden müssen. Zudem besteht die Gefahr, dass der Begriff Interkulturelle Kompetenzen zur Floskel wird, die auf Kultur verweist, wo eigentlich soziale Ungleichheit und deren Beseitigung zur Debatte stünde. Wenngleich wir über die Definitionsfülle eingangs gehört haben, gebe ich Ihnen dennoch eine Definition mit, die Sie die Tagung über auch darüber hinaus begleiten kann. Da ich für unsere Berufsgruppe und ihre spezifischen Anforderungen keine mir geeignete Definition finden konnte, habe ich mir Gedanken über eine ebensolche gemacht. Diese bedarf allerdings – wie alle anderen Definitionen auch – einer permanenten Überprüfung und eventuellen notwendigen Änderungen. Interkulturelle Kompetenzen erachte ich als die Fähigkeit, mit Menschen mit anderskultureller Prägung in Beziehung zu treten. Dabei gilt es, Barrieren, die einer solchen Begegnung im Wege stehen können, zu verringern oder gar zu beseitigen. Verletzungen und Machtasymmetrien sollen vermieden bzw. so gering wie möglich gehalten werden. Eine Vielzahl an Fähigkeiten und Fertigkeiten sind dafür notwendig: Ein Aushalten, dass es verschiedene Wahrheiten und Normalitäten gibt, mit Irritationen umgehen zu können, selbstreflexiv das eigene Denken und Handeln zu beleuchten und hinterfragen sowie gegebenenfalls zu ändern, die Gelassenheit, nicht alles verstehen zu müssen und viele andere. Die Bereitschaft zu Kulturkontakt muss bestehen, um dadurch nicht zuletzt sich selbst wahrnehmen zu können. Dabei soll weder zwangsläufig Ungleiches gleich noch Gleiches ungleich gemacht werden. Es gilt, den Überblick auch im Unübersichtlichen zu bewahren. Wichtig ist, die Chancen, die Vielfalt in sich birgt, sehen und annehmen zu wollen und auch zu können. Interkulturelle Kompetenzen sind als positiv, wichtig, erstrebenswert und für einzelne sowie für die Gesellschaft notwendig zu betrachten. Adressaten sind alle Menschen, unabhängig der jeweils eigenen kulturellen Prägung und Position. Persönliche und soziale Kompetenzen sowie Fachwissen und ein großes selbstreflexives und dominanzhinterfragendes Moment machen interkulturelle Kompetenzen aus. Diese werden über interkulturelles Lernen vermittelt. Sie erfordern eine kontinuierliche, begleitete Auseinandersetzung. Es handelt sich dabei um eine offene Begegnung mit mir selbst und den Anderen. Interkulturellen Kompetenzen bringen nicht primär neue Inhalte ein, sondern eine andere, zusätzliche Herangehensweise, einen anderen Blick. Möglichkeiten im Kindergarten und anderen elementaren Bildungseinrichtungen Eine unserer Aufgaben ist es, die Lernprozesse der Kinder zu unterstützen, wodurch Entwicklungsprozesse ermöglicht werden. Um entsprechende Lernmöglichkeiten bereitstellen zu können, müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche Kompetenzen für Kinder wichtig sind. Bei der interkulturellen Erziehung stehen Lernprozesse der Kinder im Mittelpunkt, die in anderen Kontexten häufig nicht wahrgenommen werden. Sofern von der Pädagogik nicht nur reagiert sondern auch vorbereitet werden will, sollen alle Kinder auf ein Leben in nicht zuletzt kultureller Diversität vorbereitet werden. Dem – und darüber besteht weitgehend Einigkeit – steht das derzeit noch vorwiegend monolingual und monokulturell ausgerichtete österreichische Bildungssystem im Wege. Auch muss die Frage nach dem Umgang mit Minderheiten und Mehrheiten hierzulande neu gedacht werden. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wächst mehrsprachig auf. Wird das monolinguale und monokulturelle Kind mit österreichischem Hintergrund und deutscher Erstsprache auch weiterhin zur Mehrheit im Lande zählen? Oder wird es – global gedacht – bald zur Minderheit gehören, die zum Beispiel für den beruflichen Markt schlechter qualifiziert sein wird als die bi- oder multilinguale und -kulturelle Konkurrenz? Wie sieht die Frage der Chancengerechtigkeit unter diesem Blickwinkel aus? Voraussetzung für ein gelingendes Miteinander von Menschen sind positive Interaktionen. Sie bedürfen verschiedener Fähigkeiten, die sich im Laufe des Lebens entwickeln. Im Kleinkindalter werden Verhaltensgrundlagen, Denkstrukturen und Interaktionskompetenzen maßgeblich entwickelt. Daher kann der interkulturellen Erziehung in dieser Altersspanne durchaus ihre Berechtigung zugesprochen werden. Im Zeitraum zwischen etwa drei und fünf Jahren beginnen Kinder zu verstehen, dass die Dinge anders scheinen können, als sie sind und dass es verschiedene Ansichten ein und derselben Sache geben kann. Auch werden Auseinandersetzungen mit Werthaltungen, Denk-, Fühl- und Handlungsmustern bereits sehr früh angesiedelt. Ich gehe nun exemplarisch kurz auf den Prozess der Identitätsbildung ein: Identität bzw. Selbstdefinition entsteht in der Interaktion mit anderen Menschen. Sie wird als dynamische Kategorie begriffen. Identität ist einerseits veränderlich, andererseits auch an die jeweilige Lebensgeschichte gebunden und deshalb variiert sie nicht beliebig. Die Umgebung bestimmt, wie die einzelnen Menschen sich sehen und empfinden, da sich die Menschen in den Reaktionen der Umgebung erkennen. Die Umwelt erhält somit eine große Verantwortung für das Lebensgefühl der einzelnen Menschen. Als Voraussetzung für den Aufbau einer Ich-Identität wird die Fähigkeit der Empathie gesehen. Dies ist die Fähigkeit, sich in andere Personen zu versetzen, deren Gefühle zu teilen und sich damit über ihr Verstehen und Handeln klar zu werden. Diese Fähigkeit kann geschult werden. In engem Zusammenhang mit Identität stehen Rollen, Rollenverhalten und Rollendefinitionen. Rollenvorstellungen entwickeln sich in Verbindung mit dem Spracherwerb. Rollendefinitionen können für den einzelnen Menschen mit Selbstdefinitionen in Konflikt geraten, d.h., dass das erwartete Verhalten nicht mit dem Verhalten übereinstimmt, das aus der Selbstdefinition abgeleitet würde. Hier ist es wichtig, sinnvolle Strategien aufzubauen, wie mit kognitiven Dissonanzen umgegangen werden kann. Es gilt, die Kinder zu ermuntern, in Situationen, in denen Rollen- und Selbstdefinition nicht übereinstimmen, Kraft und Mut zum Verändern aufzubringen und sie beim Finden von Strategien zu unterstützen. Damit findet ein demokratiepolitischer Prozess statt. Der Prozess des Spracherwerbs: Menschen können ihre Umgebung nur mit den Begriffen verstehen, die ihnen zur Verfügung stehen. Sprache bestimmt das Denken und die Sichtweise des Individuums über die Welt, sie bestimmt grundsätzlich die Wahrnehmung der Kommunikation und gibt Kategorien für die Analyse von Erfahrungen vor. Sprache ist einer der konkret wahrnehmbaren Teile der menschlichen Interaktion. Über Sprache (gesprochene Sprache, Gebärdensprache, …) werden wir gesellschaftsfähig. Wir erkennen einander an der Sprache oder bleiben einander fremd, sofern wir keine gemeinsame Sprache finden. Artikulierte Sprache ist im Gegensatz zur nonverbalen Kommunikation offensichtlich. Der Prozess des Spracherwerbs rückt in den Mittelpunkt der interkulturellen Erziehung im Elementarbereich, einer Zeit, die entscheidend für den Spracherwerb ist. Umgang mit neuen Erfahrungen: Welche Strategien verfolgen Menschen, wenn er Situationen erleben, die mit den bisherigen Erfahrungen nicht übereinstimmen? Unter diesem Aspekt wird die Fähigkeit wichtig, die eigenen Vorstellungen zu relativieren, um neue Einstellungen zu gewinnen. Wichtig ist, dass sich die Kinder als veränderbar erleben können. Wenn ihnen die Erfahrungen ermöglicht werden beispielsweise unterschiedliche Eigenschaften in Gegenständen wahrzunehmen oder mit ihnen unterschiedlich umzugehen, kann die Fähigkeit eingeübt werden, sich von bekannten Vorstellungen zu lösen und neue Vorstellungen zu entwickeln. Wichtig ist die Möglichkeit, sich gewohnten Gegenständen immer wieder neu und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu nähern (Stereotype, Schablonen im Kopf). Dabei ist das Bewusstsein wichtig, dass Begriffe für jeden Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben können. Es muss eine bewusste Entscheidung stattfinden, welcher Bedeutungszusammenhang vermittelt wird. Präsentation der eigenen Identität: Die Darstellung der eigenen Identität geht von der Erwartung des Gegenübers aus. Wichtig ist, sich so zu präsentieren, dass die eigene, einzigartige Persönlichkeit jenseits der Rollenvorstellungen wahrgenommen werden kann. Kinder sollen divergierende Erwartungen entwickeln können und es soll genügend Raum bestehen, dass die Kinder diese Erwartungen äußern können. Es geht darum, eigene Erfahrungen zu präsentieren und die Fähigkeiten zu erwerben, die Erwartungen anderer vorwegzunehmen, Erwartungsdiskrepanzen auszuhalten und unvollständige Bedürfnisbefriedigung zu akzeptieren. (vgl. Henze Martin, 2005). Beispiel Zeitwahrnehmung Nun ein Beispiel für Sie, um bisher Gehörtes praktisch zu veranschaulichen: Oft ist zu hören, dass in der Schweiz ein sehr exakter Umgang und in südlichen Ländern ein eher legerer Umgang mit Zeit praktiziert wird. Diese mehr oder weniger haltbare Information bringt uns jedoch nicht weiter. Tatsache ist, dass der Umgang mit Zeit individuelle Unterschiede aufweist und es kein Richtig oder Falsch gibt. Was bedeutet das für die Arbeit im Kindergarten in Bezug auf interkulturelle Kompetenzen? Thematisiere ich den sehr individuellen Umgang mit Zeit, dann komm ich zu folgenden Überlegungen: Ich kann meinen Umgang mit Zeit selbstreflexiv analysieren à bin ich in Bezug auf Pünktlichkeit eher präzise oder locker oder ist dies situationsabhängig?à wie gehe ich mit Zeit in der Gruppe um? Habe ich die Einstellung des Teams übernommen, habe ich mit den Kindern einen eigenen Weg gewählt oder habe ich den Umgang selbst bestimmt?à wie gehe ich mit Zeit im Team um? Passt der Umgang für mich oder kann ich mich nicht damit identifizieren und gerate dadurch beispielsweise in Stress?à wie gehe ich mit Zeit bei den Eltern um? Wie reagiere ich beispielsweise auf spätes Kommen?à wie gehe ich bei den Kindern / in der Gruppe um? Müssen die Kinder z.B. nach Ablauf einer ausgemachten Spielzeit am Computer sofort weggehen oder können sie die Sequenz noch fertig spielen?Wichtig ist, für die Kinder erfahrbar machen, dass es unterschiedliche Umgangsweisen mit Zeit gibt à z.B. in Rhythmikeinheit: Bewegungsablauf, wenn Trommelschlag, dann stopp. Bei einem anderen Mal: wenn Trommelschlag, dann noch den Bewegungsablauf fertig machen und dann stoppen. Wovor schützt mich dieser Zugang? Oft wird beispielsweise zu spätes bringen der Kinder damit verbunden, dass die Eltern den Kindergarten nicht als wichtig betrachten oder die Bitten der Kindergartenpädagogin oder des -pädagogen ignorieren à kann sein, muss aber nicht sein. Hier gilt es, sensibel auf den Umgang mit Zeit zu achten. Damit kann ich Frustrationen, Verletzungen, Enttäuschungen oder auch Wut entgegenwirken. Wichtig ist, dies auch in der Metakommunikation zu thematisieren, z.B. einen Elternabend zum Thema, den Umgang mit Zeit im Team zu besprechen, … Dieses praktische Beispiel basiert auf folgendem theoretischen Hintergrund: Zeitwahrnehmung ist einer von mehreren so genannten Kulturstandards. Kulturstandards sind Bausteine des Orientierungssystems Kultur. Sie leiten das Wahrnehmen, Denken, Handeln und Fühlen der Mitglieder und eröffnen Handlungsmöglichkeiten und Handlungsgrenzen. Sie müssen den Mitgliedern nicht bewusst sein. Jeder Mensch wird durch seine individuelle Zeitwahrnehmung im Wahrnehmen, Denken, Handeln und Fühlen geleitet. Oft gibt es in diesem Zusammenhang Verletzungen, Irritationen und Frustrationen. Dieses Beispiel ist einer von vielen Zugängen, der bei interkulturellen Weiterbildungen einen Transfer von der Theorie in die Praxis ermöglichen und begleiten kann. Beim Kulturstandard Zeitwahrnehmung werden folgende Unterscheidungen gemacht:
Die Veränderungen der Gesellschaft verändern auch die Anforderungen an die Menschen. Die Fähigkeit zu interkulturellem Lernen, welches zu interkulturellen Kompetenzen führt, nimmt einen immer höheren Stellenwert ein. Bisher ist dies jedoch vorwiegend im tertiären Bildungsbereich angesiedelt. Um die wichtige Fähigkeit des interkulturellen Lernens und Verstehens in ausreichendem Maße vermitteln zu können, müssen wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und politische Vorgaben in den Curricula des Bildungssystems verstärkt aufgenommen und konsequent umgesetzt werden (Will Oliver Chr., 2000, S. 136). Dies betrifft natürlich auch den Kindergarten als erste Stufe des Bildungssystems. Zum Abschluss meiner Ausführungen ein Zitat von Fons Trompenaars, einem der führenden Experten in interkulturellem Management, das für mich ein bisschen Leichtigkeit und Menschlichkeit in die Thematik bringt: „Andere Kulturen sind fremd, oft sogar schockierend. Es ist unvermeidlich, dass man im Umgang mit ihnen Fehler macht und sich häufig ratlos und verwirrt fühlt. Die Frage ist, wie schnell man bereit ist, aus Fehlern zu lernen, und wie ernsthaft man sich bemüht, ein Spiel zu verstehen … Wer andere Kulturen (neben der eigenen) entdecken will, braucht ein gewisses Maß an Bescheidenheit und Sinn für Humor“ (Trompenaars Fons, 1993, S. 251, zitiert in Götz Klaus, Bleher Nadine, 2000, S. 33). Verwendete Literatur: AUERNHEIMER Georg, Interkulturelle Kompetenz – ein neues Element pädagogischer Professionalität? In: Auernheimer Georg, Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität, Opladen, Leske und Budrich, 2002, S. 183-205 GRUBER Josef, „Bi-, Multi-, Interkulturelle“ Pädagogik – Ein „Etikettenfirlefanz“?! in: Eichelberger Harald, Furch Elisabeth (Hg.), Kulturen, Sprachen, Welten; Die Herausforderung (Inter-)Kulturalität, Innsbruck, Wien, Studienverlag, 1998, S. 102-116 HENZE Martin, Interkulturelle Erziehung im Elementarbereich. Ein handlungsorientierter Ansatz. Magisterarbeit, Fernuniversität Hagen, 2005 http://www.fernuni-hagen.de/ERZBIL/INTE/MagisterarbeitHenze.pdf (17.03.2006) HINZ-ROMMEL Wolfgang, Interkulturelle Kompetenz: ein neues Anforderungsprofil für die soziale Arbeit, Münster, New York, Waxmann Verlag, 1994 STÖGER Peter, Umfang und Ort des Lernens, CD-ROM der Pädagogik, Schneider Verlag, Hohengehren, Deutschland, 1996 http://plaz.uni-paderborn.de/Service/PLAN/plan.php?id=sw0067 (23.03.2006) WILL Oliver Chr., Rahmenbedingungen interkulturellen Lernens. Zwischen Innovation und Bildungstradition, in: Götz Klaus (Hg.), Interkulturelles Lernen/Interkulturelles Training, München, Mering, Hampp, Rainer Hampp Verlag, 2000, S. 125-138 Sekundärliteratur: TROMPENAARS Fons, Handbuch Globales Managen: Wie man kulturelle Unterschiede im Geschäftsleben versteht. Düsseldorf, Wien, New York, Moskau: Econ, 1993, zitiert in: Götz Klaus, Bleher Nadine, Unternehmenskultur und interkulturelles Training, 2000, S. 38 |